Der Hund und sein Mikrobiom

Neue Erkenntnisse über Darmbakterien und ihre Bedeutung für das Immunsystem

Ein Beitrag von Ingeborg Kulgemeyer

Es gibt wohl kaum einen Hundehalter, der noch nie etwas davon gehört hat, wie wichtig eine gesunde Darmflora für das Wohlbefinden und eine starke Immunabwehr seines Hundes ist. Jetzt haben Wissenschaftler der Uni Kiel erstaunliche Erkenntnisse über das sogenannte Mikrobiom (= Bakteriengemeinschaft bzw. Gesamtheit aller Mikroorganismen) von Säugetieren gewonnen, die auch für die praktische Hundehaltung von erheblicher Relevanz sind.

Normalerweise vermutete man eine klare Grenze zwischen dem Organismus auf der einen Seite und dem Besatz an Bakterien z. B. im Darm auf der anderen Seite. Diese Vorstellung kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Es wurde nachgewiesen, dass jedes Individuum eine einzigartige Zusammensetzung dieser Bakteriengemeinschaft im Darm besitzt, die der genetischen Veranlagung entspringt und die zusätzlich aber durch Prägung innerhalb der ersten Lebenswochen ausgebildet werden muss. Bedeutsam daran ist, dass das Mikrobiom somit ein Teil des Organismus des Menschen oder auch des Hundes ist. Man spricht darum von einem sogenannten Metaorganismus. Letzteres ist für den Hundehalter aber sicherlich nur von rein theoretischem Interesse.

Von praktischer Bedeutung ist hingegen die Tatsache, dass erstmals ein Mechanismus im angeborenen Immunsystem nachgewiesen wurde, der nur für eine gewisse Zeit nach der Geburt aktiv ist. Dieser reguliert die Besiedlung mit Mikroorganismen im Darm entsprechend seiner genetischen Veranlagung. Diese kurze Prägephase bestimmt die lebenslange Zusammensetzung des Mikrobioms. Und entscheidet somit auch über die Anfälligkeit für Erkrankungen und den allgemeinen Gesundheitszustand unserer Fellnase – und zwar für sein gesamtes Leben.

So weit, so gut. Was bedeutet dies nun praktisch? Wird der Organismus in den ersten Lebenswochen mit chemischen Präparaten, Medikamenten und Wurmkuren überlastet, kommt es zu lebenslangen Defiziten des Mikrobioms. Die Folgen äußern sich in erhöhter Anfälligkeit für Allergien, Autoimmunerkrankungen, Krebs etc. Auch weiß man heute, dass chronisch entzündliche Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen mit einer veränderten Darmflora zusammenhängen.

Hat sich das Zeitfenster erst einmal geschlossen bzw. ist die Prägungsphase beendet, gibt es nach heutigem Wissensstand keine Möglichkeit mehr, das mangelhafte Mikrobiom in seinen von der Natur vorgesehenen optimalen Zustand zu bringen. Selbst medizinische Behandlungen und eine spezielle Ernährung können im Erwachsenenalter keine Änderungen mehr erzielen. Zitat Uni Kiel „ Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." (https://www.uni-kiel.de/de/universitaet/detailansicht/news/die-ganz-fruehe-kindheit-praegt-die-bakteriengemeinschaft)

Diese Erkenntnisse werfen jetzt in jedem Fall die Frage auf, ob angesichts der immer mehr zunehmenden Krankheitsanfälligkeit und sinkenden Lebenserwartung unserer Hunde, nicht doch einmal dringend über die übliche Praxis im Umgang mit chemischen Wurmkuren, Impfungen und Medikamenten insbesondere im Welpenalter nachgedacht werden muss. Meiner Ansicht nach hat die heute praktizierte medizinische Versorgung keine vernunftorientierte Basis mehr. Unverständlich sind z. B. die massenhaften, prophylaktischen Entwurmungen ohne jeglichen Befund. Letztendlich ist ein Wurmbefall eine Erkrankung, die einer Diagnose bedarf und beim besten Willen – auch nicht aus reiner Angst vor einem möglichen Befall – im Vorhinein bekämpft werden kann.

Rein immunologisch betrachtet, ist es sogar unbedingt notwendig, dass der Welpe mit Würmern in Kontakt kommt, damit das Immunsystem eigene Abwehrmaßnahmen erlernt, sprich das dementsprechende Mikrobiom entwickeln kann. Versucht man den Darm steril zu halten – was nebenbei gesagt niemals gelingen kann – indem man die körpereigenen Maßnahmen durch chemische Präparate unterdrückt, nimmt man ihm nicht nur die Chance auf eine angemessene natürliche Parasitenabwehr, sondern man schwächt zusätzlich auch weitere Organsysteme. Erst wenn der Organismus durch einen tatsächlichen Wurmbefall überfordert ist, besteht berechtigter Handlungsbedarf.

Hat ein Hund das Welpenalter insofern gut überstanden, dass er ein seiner Veranlagung entsprechendes Mikrobiom ausbilden konnte, ist dies die Voraussetzung für eine stabile und starke Immunabwehr. Studien zeigen ebenfalls, dass ein dementsprechend gut ausgebildetes Mikrobiom in der Lage ist – maßvoller Umgang mit Chemie vorausgesetzt – sich nach Antibiotikabehandlungen und anderen darmbelastenden Anwendungen oder Erkrankungen wieder zu regenerieren. Nicht zuletzt darum sollten wir die natürlichen Vorgänge des Organismus insbesondere im Welpenalter mit allen Kräften unterstützen, statt sie durch überflüssige Chemie zu schwächen. Geben wir unseren Welpen die Chance auf mehr Gesundheit, Widerstandskraft und Lebensqualität, indem wir wieder zu einer rationaleren medizinischen Versorgung zurückkehren.

Copyright by Ingeborg Kulgemeyer
Aktualisiert Oktober 2019

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